Wolfgang Wagner und Hans Helmut KassingHier geht es um eine außergewöhnliche Motorflugreise: Tausende Kilometer Flugabenteuer durch das Baltikum

21 Flugstunden, ‚Wolfsschanze’ das Führerhauptquartier heute, ursprüngliches Masuren, Leninwerft und Walesa-Film, 'Elchkoteletts', die wie Buletten aussehen, ‚Piperi Mudel’ und Schafe auf der Landebahn! Über ihre Reise vom Mai berichten Wolfgang Wagner und Hans Helmut Kassing, die Routenplanung, Funk und Hotelzimmer geteilt haben und sich somit gut ergänzten. Da ist für jeden was dabei: Flieger-Informationen und Kulturprogramm, aber auch Spaß und Abenteuer. Bei ihren Erzählungen bekam ACRN-Pressesprecher Raimund Waltenberg so richtig Lust, den Reisebericht für alle Interessierten hier aufzubereiten...

 

Aufbruch mit der Piper PA 28StadtschlossHelsinki PalastHelsinki PalastWolfgang Landkarte

 

Los geht es mit der Streckenbeschreibung:

Luftaufnahme_FlussStart in Langenlonsheim (ICAO Kennung EDEL), weiter nach Kamenz (EDCM) in Sachsen, nach Polen zu den Plätzen Elblag (EPEL) und Suwalki (EPSU), nach Litauen Kaunas (EYKA) und nach Estland Tallin Ulemiste (ETTN). Dann gab es noch einen Abstecher über die Ostsee nach Finnland Helsinki Malmi (EFHF). Zurück ging es dann über Tartu (EETU) und Pärnu (EEPU) in Estland, nach Ketrzyn (Rastenburg) Wilamowo (EPKE) in Polen, bei uns wohl bekannt durch das nur fünf Kilometer entfernte Führerhauptquartier "Wolfsschanze" und so landete dort ehemals auch Graf von Stauffenberg in einer JU-52, um das Attentat auf Hitler auszuführen. Dann, ebenfalls in Polen, Poznan Kobylnica und schlussendlich über die deutsche Grenze zur letzten Zwischenlandung in Jena Schöngleina. (Für eine Vergrößerung bitte auf die Fotos klicken)

Routenplanung 01Routenplanung 02Routenplanung 03 Luftaufnahme Helsinki

 

Nach über 2000 Kilometern Flugstrecke und 21 Stunden in der Luft, die sie stets abwechselnd geflogen sind, landeten Wolfgang und Hans Helmut nach zwölf Tagen wohlbehalten wieder auf dem Heimatplatz an der Nahe in Langenlonsheim. 

Nun aber zu den Reise-highlights, davon gab es reichlich. Schon gleich im Polnischen Elblag, wo am Oberländischen Kanal mit dem Schiff über Land gefahren wird, kein Witz! „Eine technisch raffinierte Lösung“, findet Hans Helmut und Wolfgang ergänzt noch: „In fünf Etappen haben wir, ganz ohne Schleusen, etwa einhundert Höhenmeter überbrückt.“ Dazu wird das Schiff auf Eisenbahn-Loren bugsiert und mittels Winden die Anhöhen hoch gezogen. „Das war absolut einmalig“ meinen die beiden Baltikum-Tourer, „wir haben erst dort davon erfahren und dann spontan einen Tag drangehängt.“ Überhaupt hatte es sich bewährt, dass die beiden stets zur Stadtinformation gegangen sind, um sich über regionale und aktuelle Besonderheiten für ihr Beiprogramm zu informieren.

Oberlaendischer Kanal   Oberlaendischer Kanal   Oberlaendischer Kanal  Oberlaendischer Kanal Information

 

Immer noch in Elblag sitzen beim Abendessen zwei „Verrückte“ am Nebentisch: 'Positiv verrückt', wie man das so schön sagt, Anfang vierzig und die wollten doch tatsächlich von Eisenach mit dem Fahrrad nach Kaliningrad fahren, voller Zuversicht, zwei „gestandene“ Kerle eben. Am nächsten Tag wollten auch Wolfgang und Hans Helmut weiter, aber wegen des Regenwetters entschließen sie sich zu einem Ausflug nach Danzig. „Kaum eine halbe Stunde im Bus, schon kam die Sonne raus, war eigentlich klar“, meint Hans Helmut.

Aber das ‚timing’ stimmt trotzdem, denn bei ihrem Besuch der legendären Danziger Lenin Werft wird gerade ein Kinofilm über Lech Walesas Leben gedreht. Der tritt 1970 aus dem Schattendasein eines einfachen Werft Elektrikers, wird zum Führer der Werftarbeiter und später dann Vorsitzender der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc, das Symbol zur Wende in Polen. In der Drehpause tummeln sich Wolfgang und Hans Helmut mitten unter Schauspielern und Komparsen, aber nur während der Pause, denn ihr 'outfit' eignete sich  nun wirklich nicht zum Werftarbeiter der 70er Jahre. Und so hieß es schließlich, statt Zweitjob im Filmgewerbe, Weiterflug nach Suwalki direkt an der litauischen Grenze. Der kleinste Platz auf der Reise, gewissermaßen ein ‚Nest’ mit Grassbahn. Eine Antonow und Rettungshubschrauber stehen einsam draußen. Mit etwas Unterstützung von Einheimischen kommt ein Taxi direkt zum Flugzeug. Erster Hotelversuch – ausgebucht, zweiter Hotelversuch – das eröffnet erst in 14 Tagen und dann kennt der Taxifahrer noch eine Privatpension, ist auch nicht das Schlechteste.   „Das war schon eine Episode“, erzählen unsere beiden Baltic-Flieger und sind sich wieder mal einig, „ so was ist immer schön, sofern einem geholfen wird.“

Über Kaunas in Litauen geht es zu Estlands Hauptstadt Tallin, die beiden Flugplätze waren übrigens die größten der Reise. In Tallin sind sie begeistert von schönen alten Hansehäusern, die von den Balten zum Teil wieder wunderbar aufgebaut wurden und sehr gepflegt werden. Über die Ostsee hinweg ging es dann weiter nach Finnland, Helsinki steht auf dem Programm. Reibungslos die Landung in Malmi, einem Platz nordöstlich der Stadt, der sogar einiges näher an Helsinki liegt, als der große Verkehrsflughafen Vantaa. „Auch von den Kosten war das akzeptabel, so mit Flugsicherungsgebühren 30 Euro“ erzählt Hans Helmut, „aber sonst war Helsinki allgemein eher teuer, saftige Rechnungen im Hotel und der Sprit am Flugplatz (AVGAS) schlägt auch mit 2,63 Euro pro Liter zu buche. Als es dann wieder zurück nach Estland ging, änderte sich das. Die Preise sind dort sehr akzeptabel, Essen inkl. Bier 8-9 Euro, da gibt es nichts zu meckern.“

Danzig Leninwerft Filmarbeiten SolidarnoscGedenktafel Solidarnosc Weft DanzigHelsinki AirportPaernu AirportWilamowo Flugplatz

 

Tartu besticht auch durch die alte Hanse und von dort gab es einen Tagesausflug zum Seebad Pärnu. Morgens hin, eine schier endlose Landebahn, denn das ist ein ehemaliger Militärplatz. Da die Saison noch nicht begonnen hatte, war kaum etwas los und so konnten die beiden das Örtchen ohne den üblich überbordenden Trubel genießen. Die Stadt wurde 1251 vom Deutschen Orden gegründet. Sie wurde Mitglied der Hanse und als eisfreier Hafen bedeutsam im damaligen Livland. Heute ist die Stadt als Kurort äußerst beliebt und die offizielle Sommerhauptstadt Estlands. Abends ging es wieder zurück nach Tartu, wo übrigens seit drei Jahren der Sohn von Wolfgang lebt und arbeitet.

Die Rückreise führt dann über Wilamowo in Polen, wo die bereits erwähnte Wolfsschanze zu besichtigen ist. Das Führerhauptquartier Wolfsschanze entstand im Forst Görlitz. Insgesamt gab es in der der weitläufigen Anlage ca. 200 Objekte, schwerste Bunker, leichte Bunker und Gebäude. Hitler ließ im Januar 1945 alles sprengen. Aber dennoch, die Überreste sind seit 1959 eine Touristenattraktion in Masuren. Nach einer Modernisierung im Umfang von 1,6 Mio. Euro im Jahr 2012 sind die Besucherzahlen auf rund 230.000 im Jahr gestiegen. Mehr über die Geschichte dieses besonderen Platzes gibt es unter folgendem Link: Wilamowo-Wolfsschanze 

Bevor es über Jena zurück nach Deutschland ging, stand noch eine Landung in Posen an, dort wurde dann auch die letzte Nacht verbracht. Auf dem Flugplatz tobte gerade ein Flieger- und Kinderfest mit tausenden Besuchern

Hier noch ein paar fliegerische Infos über die Reise aus der Sicht der Piloten:

Die riesengroße Herausforderung ist es nicht, keine Gebirge o.ä., überwiegend gutes Wetter und der Funk stets klar verständlich in überwiegend kontrolliertem Luftraum. Innerhalb Polens ist keine Flugplanaufgabe vorgeschrieben, aber es gibt einige Sperrgebiete, danger areas, deshalb die Empfehlung von Klaus und Hans Helmut, besser einen Flugplan aufzugeben, „das hat sich bewährt.“ In Estland herrscht ohnehin Flugplanpflicht, klar, Orte wie Tartu liegen nahe der russischen Grenze. Oft haben die Controller auch „direkt“ freigegeben.

Auch wäre es auf der Strecke Richtung Norden möglich gewesen, über die Exklave Kaliningrad zu fliegen. Das müsste man vorher anmelden, Geld zahlen, eine Nummer bekommen, die man dann melden muss. Westlich, also von der Ostseeseite ginge es auch, die Exklave zu umfliegen, aber die Kontrollzone Kaliningrad geht sehr weit raus, das wäre ein zu großer Umweg gewesen. Und so haben es Hans Helmut und Wolfgang vorgezogen, östlich zu umfliegen, über den internationalen IFR Waypoint Boksu. Für jeden, der Interesse hat selbst eine solche oder ähnliche Baltikum-Tour zu planen und hat Wolfgang einen Ratschlag, den er für besonders wichtig erachtet: “Unbedingt vorher informieren, wo es Mogas gibt. Mit Kamenz hatte ich voher telefoniert und so haben wir dort dann auch ausreichend bekommen. In Kestrin hatte ich die 100 LL Situation per E-Mail geklärt, auch das hat funktioniert. Bei Posen fuhren wir mit einem freundlichem Flugclubmitglied zu einer Tankstelle außerhalb und besorgten 60 Liter Sprit in Kanistern.“

Hans Helnut und Wolfgang in EstlandEin Mitarbeiter vom Estländischen Airportteam in Tallin fotografiert die beiden Gäste aus Deutschland und schreibt auf den eigenen Internetseiten des Flughafens einen Blog über den Besuch. 
Hier kurze Ausschnitte, so klingt das auf 'Estisch':
Härrad Hans Helmut ja Wolfgang Saksamaalt Mainzi lähedalt on väikesel Baltikumi-tuuril…. 180-hobujõulise kolbmootoriga Piper PA-28 Archer II, mis härradele lennuvahendiks on, kuulub Rhein-Nahe lennuklubile….
D-EHFA, Piperi mudel PA-28 on neljakohaliste eralennukite seas üks populaarsemaid maailmas….Klubi baseerub Langenlonsheimi väikesel murukattega lennuplatsil, mida piloodid kirjeldavad nii: väike lennuväli, millest tasub enne maandumist madalalt üle lennata, et lambad rajalt ära ajada.

Und  auf Deutsch dann so: "Harald und Hans Helmut, zwei Gentleman aus der Mainzer Region in Deutschland machen eine Flugtour durch die Baltischen Staaten. Die beiden genießen die Freiheit, die ein Privatflugzeug ermöglicht. Sie fliegen die D-EHFA, ein Kolbenmotorflugzeug mit 180 PS, eine Piper PA-28 Archer II, die dem Aero-Club Rhein-Nahe gehört. Das Piper Model PA-28 gehört zu den populärsten viersitzigen Motorflugzeugen. Der Aero-Club hat am Rande von Langenlonsheim eine kleine Grasslandebahn. Da muss man vor der Landung erst mal einen niedrigen Überflug machen und grasende Schafe verscheuchen."

Dass man daheim am Platz erst mal Schafe verjagen muss, hat Hans Helmut bei der Befragung natürlich augenzwinkernd gesagt. Aber so läuft das, "Langenlonsheimer Gentleman" werden eben beim Wort genommen.

Aero-Club Rhein-Nahe Piloten Wolfgang (links) und Hans HelmutInformationen zur Person:

Wolfgang Wagner ist 70 Jahre alt, seinen Schein hat er seit 1992. In den Aero-Club Rhein-Nahe kam er vor zwei Jahren, bis dahin hatte er Flugzeuge in Eigenregie gechartert, aber das wurde ihm zu umständlich. Auslandflugerfahrungen hat er schon so einige. Unter anderem: Bei einer Nordkaptour kam er 2006 von Finnland aus ins Baltikum, 2007 Marokko, 2004 in Namibia erster Flug im Ausland, Kanalinseln und Mallorca. Diese Tour hatte er eigentlich für das vergangene Jahr geplant, aber erst 2012 fand er in Hans Helmut Kassing einen bestens geeigneten Mitflieger.

Hans Helmut Kassing ist 77 Jahre alt und hat seine Motorfluglizenz 1965 gemacht. Im Aero-Club ist er seit 1972. Die letzten Aktivitäten waren 2011 – Deutschlandflug und in den Jahren davor Griechenland, Zypern, Tunesien und viele andere. Über seine reichhaltigen Motorflugreisen gibt es einen ausführlichen Bericht, den man hier findet: Über alle Grenzen - Motorflugreisen H.H. Kassing

 

Bleibt zu guter letzt noch ein Fazit, natürlich von den beiden Flug Akteure selbst. Hans Helmut war insbesondere von Masuren aus der Luft begeistert: „Wenige einsame Gehöfte, Seen, Moore, sehr viel Nadelwald, hin und wieder kleine Stadt, sehr viel Landschaft, Einsamkeit, Abgeschiedenheit, aber dann auch schöne Städte mit alten Hansebauten.“ Und Wolfgang hebt besonders das offene Europa hervor: „Die Planung und das Fliegen durch mehrere Staaten hat richtig Spaß gemacht. Kein Zollflugplatz, kaum Formalitäten, viel unkomplizierter als früher. Das war sicher nicht meine letzte Tour.“

Login

Aero-Club Rhein-Nahe e.V.
Flugplatz Nahewiesen
Postfach 147
55445 Langenlonsheim
Telefon: +49 (0)6704/1514

©2009-2016 Aero-Club Rhein-Nahe e.V.

Validated XHTML / CSS

Wer ist online

Aktuell sind 63 Gäste und keine Mitglieder online

Go to top