Thema: Reisen mit dem Motorflugzeug. Pressereferent Raimund Waltenberg berichtet über einen Vielflieger im einmotorigen Flugzeug.

Hans Helmut Kassing (oben)Einer der mit der Beständigkeit eines Schweizer Uhrwerks jedes Jahr in das Ausland fliegt, oft über mehrere Etappen und zu ständig neuen Zielen und das bereits seit über 40 Jahren, so Einer ist genau der Richtige, für das Thema Reisen mit dem Motorflugzeug. Für den Aero-Club Rhein-Nahe Piloten Hans Helmut Kassing ist der Auslandsflug längst schon Ritual, in Fleisch und Blut übergegangen. Keiner hat die Vereins-Piper, die er oft nutzt und die er meist nur die „Fox Alpha" nennt, so viele Stunden, so viele Kilometer über fremden Terrain bewegt, wie er. Oft zusammen mit Vereinsfreunden, aber ebenso mit Bekannten, Kollegen, Nachbarn oder auch allein war er unterwegs. „So, wie es sich gerade ergibt, Hauptsache es geht los", sagt er. Und in diesem Jahr hat er mit seinem Alleinflug nach Rhodos die Hunderttausendkilometer-Marke übersprungen, nein überflogen, irgendwo in der Ägäis. Eine Reise mit 30 Stunden reiner Flugzeit und damit die längste bisher, über die hier auch berichtet wird. Noch dazu ein schönes eigenes Geburtstagsgeschenk, denn am 8. November ist Hans Helmut Kassing 75 Jahre alt geworden.
Wie also soll man einen Bericht über einen Reisepiloten wie ihn überschreiben? Nach einem abendfüllenden Interview ist der Notizblock randvoll, und ich habe die Qual der Wahl: „Liebeskutscher und Saharaflieger startet wieder", „Wenn der 'Ätna' raucht, ist alles o.k." oder „Nach hunderttausend Kilometern 'Rhodos' in Sicht"?

„Wenn der Ätna raucht, ist alles O.K."

Das gefällt mir und die kleine Geschichte dahinter auch. Es ist zwar schon länger her, gehört aber mit zu Hans Helmuts besonders intensiven Eindrücken, also berichtet er: „Ich habe bei meiner Sizilien Reise den Ätna umkreist und die Rauchschwaden des Vulkans aus der Luft gesehen, das war zwar eindrucksvoll, aber nicht beängstigend." Sorgen müsse man sich nämlich nicht machen, denn am Boden hatten ihm die Einheimischen erklärt, der aufsteigende Qualm sei ein gutes Zeichen, gefährlich würde es erst, wenn er ausbliebe. Dann nämlich neige der Ätna zu Ausbrüchen und die kämen dann eher aus der Seitenwand als aus dem Vulkankegel.

 Bleibt man beim Thema Berge, kommt noch ein Flug um den Mount Kenya in Ostafrika zu Vorschein. Den hat Hans Helmut Kassing 1970 mit einer gecharterten Piper gemacht und auch in Italien gab es noch Einiges. Rom und besonders Venedig, denn der Flug über die Lagune lohnt sich wirklich, zumal die Kontroller in Italien die VFR-Flieger überwiegend in sehr niedrigen Flughöhen halten. Der Flugplatz auf dem Venedig vorgelagerten Lido liegt nur wenige Kilometer südöstlich der Stadt. Seitdem 2007 ein neu renoviertes Flughafengebäude in Betrieb genommen wurde, heißt der Platz nicht mehr 'San Nicolò' sondern einfach nur 'Lido'. Hans Helmut erinnert sich noch gut: „Jedenfalls machte mir ein übereifriger Kontrolleur zu schaffen. Zulassungen, Funkgerät, alle Papiere der Reihe nach penibel abgefragt. Der sichtlich mürrischer werdende Italiener gab nicht auf und er bekam schließlich seinen Treffer. Versicherungsnachweis nicht aktuell, also, Maschine gegroundet, basta. Bis das improvisierte Fax aus der Heimat kam, blieb an dem Wochenende nur Übernachtung, statt Rückflug. Hotel am Markusplatz und ein wunderbares Musikfestival, von dem ich vorher nichts wußte, ich war dem emsigen Italiener im Nachhinein sogar dankbar", schwärmt Hans Helmut heute.

H.H. Kassing auf Tour mit der Vereins Piper EHFA

Gerne erwähnt er auch die Tour nach Sevilla mit Anreise über Córdoba: „Der Reiz lag nicht nur im Fliegerischen, sondern auch der Aufenthalt war sehr interessant. Ich konnte die teilweise muslimisch geprägten Kulturen aus der Nähe erfahren und das sind schon tolle Städte." 

Italien, Spanien, was war sonst noch Interessantes? „Sehr oft Frankreich, ich erinnere mich zum Beispiel an eine Korsikareise, bei der ich bereits auf dem Heimflug war. Aber im Rhonetal gab es über 100 Stundenkilometer Gegenwind und dann wurde der Sprit knapp. Da blieb nur, Lyon anzufunken und dann der Direktanflug und Landung auf dem Flughafen 'Lyon-Saint Exupéry'. Auf einer anderen Tour war es 'La Rochelle', dort hatte ich erst nach dem Abflug bemerkt, daß meine Notreserve, so 2-3Tausend Mark  noch im Hoteltresor lagen. Also 150 Kilometer zurück, gelandet und dann war das Wetter zu schlecht, also eine weitere Übernachtung."

Das Wetter ist bei den oftmals mehrtägigen Etappen gerne der Faktor, der zur Flexibilität zwingt. Da hilft richtiges Kartenmaterial, eine gute Vorbereitung und nach Möglichkeit ein nicht zu knappes Zeitpolster.

„Aber manchmal geht wirklich nichts mehr, wie zu Beispiel auf den Kanal-Inseln" erzählt Hans Helmut. „Damals war meine Frau Brigitte noch mit an Bord.  Nach einem Wochenende auf Jersey gab es keine Startmöglichkeit für den Rückflug. Dichter und zäher Nebel, eigentlich keine Seltenheit auf der Insel. Doch für eine Lehrerin die am Montag wieder unterrichten muss, wird das dann eng. Also, gemeinsame Rückreise ohne Flugzeug, ganz schön mühsam. Tragflächenboot, Metro und Zug mit Ankunft in Bad Kreuznach morgens um 7.30 Uhr und um 7.45 Uhr war Schulbeginn, das war knapp." Die gleiche (Tor)tour alleine dann zwei Wochen später noch einmal, zum Flugzeug abholen.

Aus den Erzählungen hört man heraus, das Thema Sicherheit bleibt trotz jahrelanger Erfahrung wichtig. Schwimmwesten oder geliehenes Schlauchboot bei langen Flügen über Wasser, gute Wartung der Maschine und eigene Vorbereitung, das schafft Vertrauen. Und trotzdem, so manches Unvorhergesehenes war dabei und so soll es auch sein, denn Abenteuer, Spannung, neues Erleben und Herausforderungen meistern, all das gehört schließlich zum Reisen mit einem Motorflugzeug dazu.

Pilot Kassing Planung Saharaflug

Es gäbe noch so manche Geschichte zu erzählen, von Flügen nach Sardinien, nach Ungarn zum Plattensee, nach Portugal und über die Meerenge von Gibraltar nach Marokko, wo Hans Helmut vor zwei Jahren in Tanger war.
Oder die Flugrally in Tunesien mit Saharaflug, wo er zudem noch direkt vor dem Abflug einen Einsatz für den Südwest Rundfunk hatte.  Der SWR berichtete über einen Hochzeitsjubiläumsrundflug für ein Liebespaar.
Oder der Besuch der Partnerstadt von Bingen, 'Hitchin', nördlich von London.
Oder die Kurzflüge nach Bern mit dem Nachbarn oder nach Zürich zu einer Chagall Ausstellung als Lufttaxi für zwei ältere Damen.

An dieser Stelle soll es allerdings bei einem Editorial bleiben und nicht zum Roman avancieren, daher nur eine Auflistung.
Flüge ab 1967: Samedan, Klagenfurt, Mt. Kenya, Marseille, Venedig, Rijeka, Florenz, Bastia, Lyon, Carcasonne, Madrid, Montpellier, Calvi, Salzburg, Lissabon, Bern, Luton, Trausdorf, La Rochelle, Nizza, Avignon, Valencia, Ibiza, Tours, Ajaccio, Malta, Perpignan, Deventer, Sevilla, Rom, Catania, Olbia, Cagliari, Gerona, Freistatt, Dubrovnik, Dijon, Sármellék, Korfu, Heraklion, Tozeur, Monastir, Malaga, Tanger, Athen, Rhodos -
das ergibt für diese Auslandsflüge eine reine Flugzeit von rund 700 Stunden.

 

Griechenland, die längste Tour
40 Jahre Auslandsfliegerei, abschließend aber noch ein paar Einzelheiten zum aktuellsten Flug, der von diesem Sommer nach Griechenland. Los ging es von Langenlonsheim, wieder mal mit der  Piper PA 28 Archer II. Leistung 180 PS und eine Reisegeschwindigkeit von rund 200 km/h bei einer Reichweite von ca. 1000 Kilometern.
Den Ablauf beschreibt Hans Helmut Kassing so: „Das Wetterzeitfenster für den Alpenüberflug gab zwei Tage vor. Von Langenlonsheim aus ging es direkt zur Landung nach Salzburg. Tanken und Weiterflug über den Tauernpass in 5000 Fuß. Landung in Portoroz Slowenien, wo zwei Mopeds ihren Dienst als „follow me" Fahrzeuge verrichten. Übernachtung und dann in Dubrovnik wiederum tanken und weitere Wetterplanung. Dann weiter über Montenegro und Albanien bis zur Landung auf Korfu. Das Wetter hatte bis dahin gepaßt und die Flugsicherung, wie auch die Platzverhältnisse, waren einwandfrei. Übernachtung und weiter nach Santorin, eine geologisch sehr interessante Insel, so daß ich gleich zwei Tage dort geblieben bin. Dann ging es weiter zur Landung auf Rhodos. Dort wurden aus geplanten drei Tagen Aufenthalt ganze fünf. Kurzum: Fluglotsenstreik, Gewitter und Gegenwind, da wurde  es nichts mit dem Weiterflug nach Korfu. Zurück ging es dann mit einem Schlenker die türkische Küste entlang, vorbei auch an den Dodekanes Richtung Nordwesten nach Thessaloniki. Nach einem eintägigen Aufenthalt ging es wieder Richtung Dubrovnik zur Landung. Leider mochte sich der göttliche „Olymp" nicht zeigen und hatte sich dazu mit Wolken eingehüllt. Noch am selben Tag ging es weiter nach Pescara, an der italienischen Adriaküste, zum Tanken und Übernachten. Für 60 Liter Sprit gab es gleich ganze 10 Seiten kleingedrucktes mit Sicherheitshinweisen, noch so ein Beispiel für italienischen Arbeitseifer an der „richtigen Stelle".
Die letzte Etappe, von Pescara nach Hause, sollte zum wahren Marathontag werden. Die direkte Strecke durch die Alpen ging nicht, Luftraumbeschränkungen wegen G8-Gipfeltreffen in Davos. Also, ab über die Abruzzen, Perugia, Elba, Bastia, 'St.Tropez' nach Avignon. Dort Tankstop und dann durch die burgundische Pforte nach Langenlonsheim. Allein an diesem Tag 8 Stunden 15 Minuten in der Luft, das heißt, morgens um 10.00 Uhr los und um 19.47 glücklich am Heimatflugplatz „EDEL" angekommen. Gesamtbilanz der Griechenlandreise, 30 Stunden reine Flugzeit, die längste bislang und es hat sich gelohnt."

Ratgeber
Wer Fragen hat, Tips zur Vorbereitung oder Durchführung mehrtägiger Auslandsflüge haben möchte, der darf Hans Helmut gerne ansprechen. Oft ist er an Wochenenden am Platz, kommt sogar nicht selten mit dem Fahrrad von Hackenheim angeradelt und er ist stets Auskunftsbereit. Die Fliegerei hat er als Maschinenbaustudent 1957/58 mit dem Segelflug begonnen und die Motorfluglizenz dann 1965 mit 31 Jahren gemacht. Im Aero-Club ist er seit 1972. Man spürt regelrecht, daß er mit Passion dabei ist - Hans Helmut Kassing liebt und lebt fliegen und läßt andere gerne an seinen Erfahrungen teilhaben.